Die da unten

Die da unten – so heißt meine neue Kolumne im DER SPIEGEL -Magazin. Ich freue mich sehr, die Tradition der politischen SPIEGEL-Heft-Kolumne nach Jakob Augstein und Jan Fleischhauer, Markus Feldenkirchen und Alex Neubacher künftig mit Leben füllen zu dürfen.

Die da unten, das bin ich: Eine Frau, die vom Süden der Republik aus auf die Berliner Politik blickt. Ich versuche, das zu halten, was die CSU in Bayern seit Jahren mal mehr, mal weniger erfolgreich verspricht, nämlich „näher am Menschen“ zu sein.

Im aktuellen Heft stelle ich ausgehend von einem Gespräch mit Studierenden die Frage, ob Scholz Zeitenwende auch als „Teilzeitenwende“ funktionieren kann? „Wo seht ihr euch in 10 Jahren“, hatte ich die Mittezwanzigjährigen gefragt und zu meiner Überraschung erfahren, dass sehr viele sehr ernsthaft erwägen, künftig – egal wo – in Teilzeit arbeiten zu wollen.

Einerseits ist der frühe Fokus auf Themen wie die richtige Work&Life Balance sicher gesund, womöglich vernünftig und irgendwie auch mutig mit Blick auf sinkende Löhne, steigende Preise und eine drohende Inflation. Andererseits wird es in Zeiten wie diesen ohne Kraftanstrengungen auch jüngerer Generationen kaum gelingen, einen Schuldenberg wie das 100 Milliarden hohe Sondervermögen Bundeswehr abzutragen.

Könnte ein Teilzeit-Deutschland im globalen Wettbewerb bestehen, seine Werte oder gar sein Land mit Waffengewalt verteidigen? Die Ukrainer möchten das derzeit sicherlich nicht für uns ausprobieren.

Neue Visitenkarten

Seit November arbeite ich nicht mehr nur als Landeskorrespondentin des SPIEGELs in München, sondern auch in der Funktion als Leiterin des Ressorts Meinung und Debatte. Daher werde ich ab sofort noch häufiger als sonst die “Lage am Abend” schreiben, was mich sehr freut.

In der heutigen Ausgabe geht es um die folgenden drei Fragen:

Hat die Politik bei der Triage-Priorisierung ihre Hände zu lange in Unschuld gewaschen? Was ist feministische Außenpolitik? Und sind Altkleidercontainer Todesfallen?


Als Markus Söder mir die Verbreitung von "Fake News" vorwarf

Wenn ein Text recherchiert, geschrieben und veröffentlicht ist, ist die Arbeit von uns SPIEGEL-Redakteurinnen und -Redakteuren eigentlich abgeschlossen. Manche Texte beschäftigen uns allerdings weiter. Deshalb wollen wir zum Ende des Jahres die »Geschichten hinter den Geschichten« offenlegen. Auch, um unsere Arbeit transparenter zu machen:

Unter anderem beschreibt Reporter Maik Großekathöfer, wie er schlaflose Nächte hatte, weil er nicht wusste, ob er den Unschuldsbekundungen eines Erziehers, der Kinder sexuell missbraucht haben soll, glauben kann.

Den schwierigen Umgang mit Flüchtlingsschicksalen thematisiert Katrin Elger sehr berührend. Ohne es zu wollen, weckte sie falsche Hoffnungen bei einer Syrerin, die im Libanon festsitzt. Sie hatte ihren in Deutschland lebenden Enkel noch nie auf dem Arm. Elger hingegen schon.

Der Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros Martin Knobbe fragt sich, ob Politiker vom SPIEGEL niedergeschrieben werden. Und ich erzähle von einem Telefonat mit dem Pressesprecher der CSU, bei dem meine Stimme sehr laut wurde. Dabei hatte ich in einem Text über Markus Söder einen Fehler zu verantworten. Nicht er.

Fürchtet euch nicht

Versteht man die Ampelkoalitionäre richtig, wird die Ehe ein zivilrechtlicher Vertrag unter vielen.

»Wir werden das Institut der Verantwortungsgemeinschaft einführen und damit jenseits von Liebesbeziehungen oder Ehe zwei oder mehr volljährigen Personen ermöglichen, rechtlich füreinander Verantwortung zu übernehmen.« Wie ernst sie es damit meint, hat die neue Familienministerin Anne Spiegel (Grüne) nun noch einmal deutlich gemacht, als sie einen »Paradigmenwechsel« im Familienrecht ankündigte.

Die neue Regierung will mit alten familienpolitischen Idealen Schluss machen. Es ist auch höchste Zeit, kommentiere ich im Leitartikel der Spiegel-Weihnachtsausgabe.

Blickt man in die Geschichtsbücher oder in die Bibel, dann ist das, was wir in Deutschland häufig als bürgerliches Familienideal vor Augen haben, eher die Ausnahme. Seuchen, Kriege oder Hungersnöte sorgten früher dafür, dass verstorbene Partnerinnen und Partner mitunter schnell ersetzt werden mussten und Patchworkfamilien vielleicht nicht gesellschaftlich anerkannt, aber immer schon real waren.

Dass der Mann arbeitet und seine Gemahlin die Kinder hütet, war jedenfalls laut einem Text der Bundeszentrale für politische Bildung eher »eine historische Ausnahmesituation in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in westlichen Gesellschaften Europas und Nordamerikas«. In diesen zwei Jahrzehnten, in der Familienforschung als »Golden Age of Marriage« bezeichnet, konnte sich für einen kurzen Zeitraum ein bestimmtes Familienmodell durchsetzen, das seitdem »als Hintergrundfolie« diene, um heutige Familienformen zu beurteilen.

Es ist richtig, wenn die neue Regierung offenbar ernsthaft versucht, sich vom Ideal und den damit verbundenen Privilegien für vermeintlich konventionelle Familienformen zu lösen. Zumal keiner Familie Geld oder Liebe weggenommen wird, damit andere mehr davon haben.

Ein Prosit der Ungemütlichkeit

Gut möglich, dass Markus Söder ein besserer Wahlkämpfer gewesen wäre als Armin Laschet. Aber wäre er auch ein besserer Kanzler? Darüber habe ich diese Woche auf Spiegel.de geschrieben. Titel des Kommentars: „Der allerschlechteste Verlierer“.

Ein Zusammenschluss von Schwesterparteien, der sich Union nennt, muss von seinen Vorsitzenden Teamfähigkeit verlangen können. Die hat Söder allenfalls in den letzten zwei Wochen des Wahlkampfs gezeigt. Mit Laschet aß er in Nürnberg Bratwurst von Herz-Tellern, ein riesiges Lebkuchenherz »Kanzler für Deutschland« bekam der liebe Armin auf dem Wahlkampfabschluss in München umgehängt.

Sehr putzig, aber auch irgendwie heuchlerisch. Schließlich hatte Söder in den Wochen zuvor kaum eine Gelegenheit ausgelassen, sich selbst als bessere Alternative im Wahlkampf zu präsentieren.

Auf der einen Seite ist es menschlich und vielleicht sogar sympathisch, wenn man Politikern anmerkt, dass sie mit Ablehnung nicht klarkommen. Wenn sie ihr gebrochenes Herz auf der Zunge tragen, statt gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Die Schmach, verschmäht worden zu sein, muss Söder umso schwerer getroffen haben, als er mit vielen seiner Prophezeiungen zur Zeit des Machtkampfs mit Laschet Anfang April recht hatte.

Aber wer weiß, was für die Union alles drin gewesen wäre, hätte sich Söder in den Dienst der Sache gestellt, statt auf seinem Egotrip nach Berlin auf Autopilot zu schalten? Wenn Söder vor allem etwas besser kann als Armin Laschet, dann ist es das schlechte Verlieren.

Anna Clauß auf der Wahlkampf-Abschlussveranstaltung der Union in München

Anna Clauß auf der Wahlkampf-Abschlussveranstaltung der Union in München

Mann ohne Tempolimit

Andreas Scheuer möchte Verkehrsminister bleiben. Aber möchten das auch die Wähler? Meine Reportage vom Ortsbesuch in Passau konnte man kurz vor der Wahl im gedrucken Spiegel und auch online nachlesen.

Fotografin Tanja Kernweiss hat fantastische Bilder gemacht. Sie zeigen sehr gut die Mühen, die Politiker im Wahlkampf auf sich nehmen. Und die viele Bürger leicht unterschätzen. Scheuer hat an einem Tag sechs Wahlkampfstande besucht, ist der spontanen Einladung eines Schäferhund- Vereins gefolgt, hat zwischendrin ein Weißwurst-Frühstück und eine Betriebsbesichtigung absolviert und an einer Bezirksversammlung der Jungen Union teilgenommen. Und wurde von einer Reporterin verfolgt, deren Arbeitgeber nicht für besondere CSU-Nähe bekannt ist.

Foto: Tanja Kernweiss

Foto: Tanja Kernweiss

Wenn ich Politiker bei der Arbeit begleite und anschließend über sie schreibe, ist es mir immer wichtig, auch den Menschen hinter dem Politiker greifbar zu machen. Ein Bild, das mir deshalb so gut gefällt, ist die Nahaufnahme von Scheuers Handgelenk. Er trägt ein Armband, das seine Tochter für ihn gebastelt hat.

„Ich mache mir Sorgen“

Der stellvertretende bayerische Ministerpräsident will sich nicht impfen lassen. Hubert Aiwanger (Freie Wähler) gab Moritz Küpper vom Deutschlandfunk Ende Juli ein Interview voller abenteuerlicher Begründungen für seine Impfskepsis. Er sprach unter anderem von einer „Jagd“ auf Ungeimpfte und präsentierte sich als eine Art Retter der Demokratie, weil er mit seinem guten Beispiel querdenkende Wähler vor dem Abdriften an undemokratische Ränder bewahre.

In derselben Woche interviewten meine Kollegen Florian Gathmann, Sebastian Fischer und ich Markus Söder. Wir alle vier sind mittlerweile zwei Mal geimpft, trotzdem fand das Gespräch per Videoschalte, also nicht in einem Raum statt. Der bayerische Ministerpräsident sagte, er mache sich Sorgen um seinen Vize. „Wer glaubt, sich bei rechten Gruppen und Querdenkern anbiedern zu können, verlässt die bürgerliche Mitte und nimmt am Ende selbst Schaden.“

Anfang vergangener Woche habe ich Hubert Aiwanger getroffen, um mit ihm über seine Impfskepsis zu sprechen. Das Erste, was er sagte, als wir uns kurz zuvor im geschlossenen Raum gegenüber saßen: „Sie können die Maske gerne absetzen. Ich bin getestet.“ So als ginge die Gefahr von ihm aus. Ich mache mir eher Sorgen um ihn. „Ich bin doppelt geimpft“, antwortete ich. Mir passiert nix. „Ich hoffe, Sie bleiben gesund.“

Diesen Samstag ist nun die Geschichte über Aiwangers Strategie, es mit dem Umwerben von Impfskeptiker und unzufriedene Konservativen in den Bundestag zu schaffen, im SPIEGEL veröffentlicht worden. Ich habe sie gemeinsam mit dem schlauen Kollegen und Parteispenden-Experten Sven Röbel geschrieben. Denn auch Hubert Aiwangers Spenden an seine Partei werfen Fragen auf.

Das Bild ist von SPIEGEL-Fotograf Roderick Aichinger @roderickaichinger

Am Stammtisch

Wird Markus Söder, der Mann mit der größten Autogrammkarte Bayerns, Kanzlerkandidat der Union? Mein Buch “Söder - Die andere Biographie“ verrät es nicht. Dafür einiges anderes: Zum Beispiel was in den Maßkrügen wirklich drin ist, die der Bayerische Ministerpräsident bei seinen Reden im Hofbräuhaus neben das Pult gestellt bekommt. Bier ist es in der Regel nicht.

Mit der fantastischen BR-Redakteurin Antje Harries bin ich durch München spaziert und habe über meinen Blick auf Bayern und den auf Markus Söder gesprochen. Erschienen ist der Bericht am 15. April im Kulturmagazin „Capriccio“ des Bayerischen Rundfunks.

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Das Hörbuch ist da!

Ab sofort gibt es „Söder - Die andere Biographie“ auch als Hörbuch. Gelesen von Astrid Schulz. Auf ihrer Homepage gibt es eine Hörprobe. Darin heißt es:

„Markus Lanz stellte seinen Gast einmal mit den treffenden Worten vor, Söder sei der einzige Mensch, der ein Leben lang Bayerischer Ministerpräsident werden wollte - und es am Ende tatsächlich geworden ist. Wenn er die bayerische Schlösserpracht wirklich gegen den Betonklotz in Berlin zu tauschen gedenkt, wird 2021 ein spannendes Jahr. Der Krisengewinner, Leistungssportler, Wellenreiter, Klassenstreber und Ellenbogengenius war in all seinen Rollen immer auch: der Unvermeidliche.“

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Premiere im Münchner Literaturhaus

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Live aus dem Münchner Literaturhaus fand am 3. März die Buchpremiere zu „Söder - Die andere Biographie“ statt. Patricia Riekel, selbst eine große Söder-Kennerin, sprach mit mir über Nürnbergs Copacabana (nicht im Bild hinter uns) und den momentan berühmtesten Sohn der Stadt.

Wie wunderbar, dass bald die Buchläden wieder öffnen dürfen. Und hoffentlich auch bald wieder schnellgetestetes Publikum an den Veranstaltungen im Literaturhaus teilnehmen darf.

Late Night im Bayerischen Rundfunk

Um welche Charaktereigenschaft ich Markus Söder beneide? Wie man Spiegel-Redakteurin mit Zuständigkeit für die CSU und Feminismus wird? Und was der Beruf meines Vaters und die Müsliriegel meiner Mutter damit zu tun haben?

Mit Hannes Ringlstetter, Claus von Wagner und Caro Matzko habe ich am Aschermitrwoch über mein Buch, Bierbärte und fränkische Bescheidenheit gesprochen. Danke für die Einladung! Und großen Dank an Caro Matzko für die filmische Mini-Biographie. Link zur Sendung

Claus von Clauß

Der spannendste Late Night-Moderator im Bayerischen Fernsehen hat mich in seine Sendung eingeladen. Ich freue mich riesig, am kommenden Donnerstag Hannes Ringlstetter aus dem Buch mit dem grünen Umschlag vorzulesen. Der Kabarettist mit meinem Nachnamen als Vornamen, Claus von Wagner, wird auch da sein und womöglich ebenfalls über Markus Söder sprechen: https://www.br.de/br-fernsehen/programmkalender/sendung-2970618.html

"Weil Sie sich gerade wieder so schön selbst loben..."

Wie habe ich mich auf dieses Zusammentreffen gefreut! Am Mittwoch war ich zu Gast in der Sendung von Markus Lanz. Als Gegenspielerin vom Söder Markus, der sich mal wieder für sein Corona Management selber lobte. Auch ich gestehe ihm gerne zu, frühzeitig vor der Gefahr einer zweiten Welle gewarnt zu haben. Umso unverständlicher finde ich allerdings, dass Bayern nicht besser dasteht als andere Bundesländer.

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Trotz Markus Söders prophetischer Weisheit und trotz seinem Dauerwarnton “Vorsicht und Umsicht” war der Freistaat genauso schlecht auf steigende Coronainfektionen vorbereitet als der Rest des Landes. “Wir haben genauso sterbende alte Menschen in den Altenheimen, wie überall sonst,“ sagte ich bei Lanz. Ebenso habe man in Bayern Homeschooling-Pannen und Verlierer des Lockdowns. „Meine Friseurin, die seit Monaten nicht arbeiten kann, weiß nicht, wie sie ihre Miete bezahlen soll in München.”

Eine gute Zusammenfassung der Sendung findet sich unter diesem Link bei derwesten.de

Hier der Link zur Lanz-Sendung in der ZDF-Mediathek

Die andere Biographie

Ich habe ein Buch geschrieben! Es erscheint am 2. Februar 2021. Und handelt von einem Mann, den mein Sohn für den König von Deutschland hält: Markus Söder.

Ich versuche, einen angriffslustigeren Ton zu treffen als in Biographien üblich und mit einem weiblicheren Blick als in Büchern über CSU-Politiker üblich zu arbeiten. Deshalb auch der Titel: “Die andere Biographie”. Wer die rund 200 Seiten liest, wird unter anderem erfahren, wo Markus Söders Platz in Bayern genau ist, welcher genialen Erfindung er den Einzug in die Staatskanzlei verdankt und ob er 2007 Horst Seehofers uneheliches Kind an die BILD-Zeitung verraten hat. Außerdem habe ich mit Markus Söder ein Exklusivinterview über seine Lieblingsserie “Game of Thrones” geführt und weiß jetzt, mit welchem Herrschergeschlecht er sich und seine Bayern vergleicht. Spoiler: Es sind nicht die Lannisters.

Hier ein Link zur Verlagsvorschau von Hoffmann & Campe.

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Darin heißt es: “Die einen finden ihn unmöglich, die anderen genial: Söder polarisiert wie kein anderer Politiker seiner Generation. Die Spiegel­Journalistin und Feministin Anna Clauß, die Markus Söder seit Jahren eng begleitet, gibt jetzt überraschende Antworten. In ihrem Buch ist Söder live, ungefiltert und ganz nah zu erleben. In ungewöhnlichen Situationen und an besonderen Orten, im Schnelldurchlauf für alle, die wenig Zeit haben, aber endlich wissen wollen: Was für ein Mensch verbirgt sich hinter der Maske mit den weiß­blauen Rauten?”

Wer nicht bis Februar warten will: Rezensionsexemplare kann man bei der Leiterin der Presseabteilung Lisa Bluhm von Hoffmann & Campe bestellen: lisa.bluhm(at)hoca.de

Herrschaftszeiten!

Die Coronakrise hat vieles verändert. Nun auch das: Markus Söder ist am Ende der Ära Merkel ihr aussichtsreichster Erbe. Wie konnte es soweit kommen? Dieser Frage widmet sich die aktuelle Titelgeschichte im Spiegel, an der ich die letzten Wochen gearbeitet habe. In der Hausmitteilung, einem kleinen Making-Of zur Geschichte, heißt es:

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Lange galt Markus Söder als Gernegroß aus der Provinz, heute lacht niemand mehr über ihn. Im Rennen um Merkels Nachfolge führt der CSU-Chef mit großem Abstand. Als Kanzlerkandidat scheint er derzeit alternativlos zu sein. Markus Söder kann Krise. Aber kann er auch Kanzler?

Außer in der Titelgeschichte habe ich diese Frage im Spiegel-Podcast “Sagen, was ist” beantwortet. Am Sonntag war ich im Wadlbeißer-Modus zu Gast in der BILD-TV Sendung “Die richtigen Fragen”. Markus Söder mache Politik “wie ein Möpelpacker”, sagte ich dort. Außerdem warf ich ihm “Größenwahn, Angeberei, Showtalent” vor, beispielhaft bezogen auf die Rauten seiner Maske, die größer sind als die auf denen seiner CSU-Parteikollegen. “Clauß krachlederte los” hieß es tags drauf in der Bild. Manche meinten, ich habe übertrieben.

Zwei Tage später postete Markus Söder folgendes Bild auf Instagram.

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Deutschlands heilige Kühe: Datenschutz und Brandschutz

Seit heute gibt es die Corona-Warn-App der Bundesregierung zum Download. Anfang der Woche habe ich dazu die Staatsministerin für Digitalisierung im Bundeskanzleramt, Dorothee Bär (CSU), interviewt, die hofft, „dass die typisch deutsche Mentalität, die immer zu Überperfektionismus und höchster Vorsicht neigt, nicht dazu führt, dass die theoretischen Bedenken den praktischen Nutzen der App überlagern.“

Schaue ich mich im Freundeskreis oder in den Sozialen Netzwerken um, weiß ich, was sie meint. Häufig in den letzten Tagen begegnete mir in den Kommentaren zur Corna-Warn-App Misstrauen, Ablehnung, Geraune. Einen Eingriff in die persönlichen Freiheitsrechte vermutet einer, die App schränke Grundrechte ein, weil der Staat seine Bürger auf Schritt und Tritt verfolgen könne. Von "Freiwilligkeits Schwindel" fantasiert sogar Heribert Prantl. In Umfragen hält sich die Zahl der App-Befürworter und der App-Zweifler ziemlich die Waage.

Skepsis ist eine journalistische Grundtugend, die ich immer gut finde. Aber in dem Fall muss ich Dorothee Bär Recht geben: Man kann es mit dem Bedenkenträgertum auch übertreiben. Datenschutz und Brandschutz - das scheinen zwei heiligen Kühe in Deutschland zu sein. Vielleicht retten sie Leben. Mich aber treiben sie häufig in die Verzweiflung. Jeder, der per App Pizza bestellt oder mit Freunden und Familie WhatsApp benutzt, gibt mehr persönliche Daten preis als alle, die künftig die "Corona-Warn-App" benutzen.

Weder muss man dort seinen Namen eingeben, noch persönliche Daten. Die App trackt auch nicht unseren GPS-Standort. Sie misst per Bluetooth, wie häufig am Tag wir anderen App-Nutzern nahe kommen und speichert den Zeitpunkt und die Dauer des Kontakts 14 Tage dezentral und anonymisiert auf dem Smartphone. Es wird auch kein Mensch zur Nutzung der App gezwungen.

Mir wäre es ehrlich gesagt lieb, ich könnte mit der App (per pseudonymisiertem ID-Code) im Restaurant oder in der Eisdiele einchecken statt jedes Mal meinen Namen, meine Adresse und meine Telefonnummern handschriftlich dort zu hinterlassen. Ich glaube, der Augustiner Biergarten hat langsam die Telefonnummern von allen Münchner Bürgern in seinem Keller vorrätig. Ich kann nachts trotzdem gut schlafen.

Ja, Corona ist doof, kostet uns Geld und Arbeitsplätze und vielen die Existenz. Aber die App könnte uns allen das Leben erleichtern, vielleicht sogar Leben retten, indem sie hilft, Infektionsketten frühzeitig zu unterbrechen. Ich finde, das Experiment ist es wert!

Apple: https://apps.apple.com/de/app/corona-warn-app/id1512595757

Android: https://play.google.com/store/apps/details?id=de.rki.coronawarnapp

Brauchen wir eine neue Herdprämie?

Lange habe ich gedacht, der Wunsch Kind und Karriere zu vereinbaren sei so selbstverständlich wie die Kombination einer Maß Bier mit einer Riesenbrezel. Dann kam die Coronakrise. Seitdem sind nicht nur die Biergärten geschlossen. Auch für berufstätige Frauen mit Kindern hat sich einiges geändert. Sie sind plötzlich vor allem eines, nämlich Mütter in Vollzeit. Weil Kitas und Schulen noch lange Zeit geschlossen bleiben, übernehmen vor allem sie die Rolle der Lehrerin, der Köchin, der Putzfrau - den Broterwerb überlassen sie entweder dem Mann oder sie erledigen ihn irgendwie nebenbei oder nachts. Die Politik verlässt sich auf diese Aufopferungsbereitschaft - statt sie zum Beispiel mit einem Corona-Elterngeld, einer neuen Herdprämie, zu entlohnen.

Da ich selbst das Glück habe, einen Mann an meiner Seite zu haben, mit dem ich mir die Familienarbeit partnerschaftlich teile, konnte ich in den letzten Wochen viele Kolumnen, Essays und SPIEGEL-Leitartikel schreiben, in denen ich die Überlastung vieler Familien angeprangert habe. Hier eine Auswahl:

Feminismus rettet Leben - Männer haben die leitenden Jobs, aber die Frauen sind es, die die Gesellschaft in der Coronakrise am Laufen halten.

Mein Sohn, der Lockdown-Gewinner - Menschen sterben, verlieren ihre Jobs, leiden unter Einsamkeit. Nicht so mein Fünfjähriger. Er ist glücklich und zufrieden wie nie, da seine Mutter mehr Zeit als sonst für ihn hat: Kann es sein, dass die Hausfrauenehe anderen Familienorganisationsformen doch überlegen ist?

Die neue Herdprämie - Die Politik verlässt sich auf eine scheinbar unbegrenzte und kostenlose Ressource: die Aufopferungsbereitschaft von Eltern, vor allem von Müttern. Das ist falsch.

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Spiegel Gespräch live

Ilse Aigner ist seit etwas mehr als einem Jahr Präsidentin des Bayerischen Landtags. Im Rahmen eines SPIEGEL Gesprächs live hatte ich die Möglichkeit, mit ihr über Macht zu sprechen. Lange Jahre galt Ilse Aigner als natürliche Nachfolgerin von Horst Seehofer. Vor gar nicht so langer Zeit (wobei vier Jahre im politischen Geschäft wie Jahrzehnte weit weg wirken können) hätte kaum einer auf Markus Söder als neuen Stern am Himmel über dem Freistaat getippt. Ich gestehe, dass auch ich es zu dieser Zeit für möglich gehalten habe, Söder werde vor Ehrgeiz alsbald explodieren und verglühen - während Aigner die erste Frau an der Spitze des Freistaats wird.

Ganz falsch lag ich nicht. Heute ist Ilse Aigner die mächtigste Frau im Bayerischen Politikbetrieb. Nur an Markus Söders Ehrgeiz kam sie nicht vorbei. Sie selbst sieht das nicht als Niederlage. Wer Ilse Aigner live erlebt, merkt wie motiviert, entspannt und schlagfertig sie auftritt. “Macht ist gut. Aber nicht um jeden Preis,” sagte Aigner. Vor dem Gespräch hätte ich ihr das als Schwäche ausgelegt. Jetzt nicht mehr.

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Damenwahl

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten: Die Kommunalwahlen in Bayern finden statt. Trotz Corona-Pandemie. Aus einem Grund freue ich mich besonders auf den kommenden Sonntag: Es treten so viele Frauen wie noch nie bei Bayerischen Kommunalwahlen an - im SPIEGEL habe ich darüber geschrieben.

Bestes Beispiel ist München. SPD-Platzhirsch Dieter Reiter wird gleich von zwei Frauen herausgefordert: Kristina Frank von der CSU und Katrin Habenschaden von den Grünen. Im Salon Luitpold habe ich eine Podiumsdiskussion mit den beiden moderiert. Auch das Publikum durfte Fragen stellen. Was die Münchner wirklich bewegt, dokumentiert die Stelle bei 1h:20min im Video. Ein Mann will von den zwei OB-Kandidatinnen wissen: “Können Sie ein Oktoberfest Bierfass anzapfen und wenn ja, mit wie vielen Schlägen.” Ich fand die Antwort der beiden schlagfertig.